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Der Begriff TERRITOIRES ist vieldeutig. Er kann als militärisch-politischer Raum, als Term der Architektur und Stadtentwicklung, als Lebensraum im Tierreich, im Feld der Geisteswissenschaften, aber auch als Abgrenzungsgebiet der Teilsysteme Kultur, Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft verstanden werden. Er bezeichnet jegliche Art von Systematisierung und Regelung von Raum, Macht und Kultur. Lesen wir Territoires als Bezeichnung des Raumes einer politischen und kulturellen Macht, so muss er im Hinblick auf die Gegenwart neu interpretiert werden. Genaue politische und kulturelle Grenzen scheinen im Zeitalter des Spätkapitalismus und des globalisierten Marktes nur noch mit Mühe wahrnehmbar zu sein. Sie sind diffus geworden.
Der Skulpturenbegriff
Genauso schwierig sind nun aber auch Grenzziehungen innerhalb der Künste geworden. Einerseits lassen sich eindeutig Überschneidungen zum Beispiel der Bereiche Kunst und Design ausmachen, andererseits weicht innerhalb der bildenden Kunst die Foku-ssierung auf ein bestimmtes Medium einem Gebrauch verschiedenster Medien, welche zu komplexen Ensembles zusammengestellt werden. Man benutzt Skulptur genauso wie Video und Performance, die Malerei wie Fotografie und Installation. Bestimmte Zuordnungen laufen Gefahr Missverständnisse auszulösen und vermögen längst nicht mehr ein Oeuvre zu erklären. Nun findet man im Untertitel der bevorstehenden Ausstellung trotzdem den Begriff der Skulptur. Das Kuratorenteam lässt diesen Begriff im Bewusstsein darüber stehen, dass Skulptur im Kontext einer Freiluftausstellung eine unausweichliche Kategorie ist und ihre eigenen Themen mit sich bringt. Jedoch müssen diese Themen nicht zwangsläufig mittels einer Skulptur im traditionellen Sinne behandelt werden. Bildhauerische Themen wie Gewicht, Perspektivenwechsel und das Verhältnis von Körper und Raum, können ebenso in anderen Medien reflektiert werden. Mit Beiträgen ganz verschiedener ästhetischer Strategien, zum Beispiel der Installation oder der performativen Künste, verstehen die KuratorInnen von Bex & Arts Skulptur im erweiterten Sinne.
In weiterer Hinsicht betrifft die Thematik der TERRITOIRES Bex & Arts ganz im Besonderen. Die vor 30 Jahren gegründete Freiluftausstellung erfährt ihren zweiten Wechsel in der Direktion und beschreitet dabei neue Wege. Mit der Thematisierung der Territoires und damit der Grenzen und Erweiterungen der künstlerischen Mittel stellen die KuratorInnen auch die Tradition, in der Bex & Arts bis jetzt stand, in Frage. Obschon in den letzten zwei Ausstellungen jüngere Künstler eingeladen wurden, hallte beim grössten Teil der gezeigten Arbeiten der Geist der 70er und 80er Jahre nach. Das damit in Verbindung stehende Kunstverständnis des autonomen Kunstwerkes, einer dekontextualisierten Skulptur also, auch «Drop Sculpture» genannt, kann für die kommende Ausstellung kaum mehr unhinterfragt gezeigt werden.
TERRITOIRES, Orte der Kunst
So wie wir die Autonomie des Kunstwerkes in Frage stellen, so befinden wir uns aber auch schon in der Tradition der in den 60er Jahren einsetzenden Kritik gegenüber der klassischen Moderne. In dem 1976 von Brian O’Doherty verfassten Text Inside the White Cube beschreibt der Autor die künstlerischen Innovationen im 20. Jahrhundert als stetiges Definieren der Grenzen des Kunstwerkes, um diese dann erweitern zu können. Durch Beispielen aus den 60er und 70er Jahren wird ersichtlich, dass die Grenzziehung zwischen Kunstwerk und Galerie- beispielsweise Museumsraum aufgelöst wurde. Im Falle von Bex&Arts situieren sich die Kunstwerke nun in einem Park, worauf die Diskussion über Grenzen neu geführt werden muss. Der Park de Szilassy kann weder als öffentlicher Raum, wie dies bei Skulptur Projekte Münster der Fall ist, noch als freie Natur wie in Môtier bezeichnet werden. Der 1835 gebaute Park ist in der Tradition des Englischen Landschaftsgartens konzipiert, erhält jedoch seine Besonderheit in der Situierung der voralpinen Walliser Topografie. Der Park, von der romantischen Idee getragen, sich dem Müssiggang hingeben zu können, wird von Weinreben am Steilhang und beinahe immer beschneiten Bergketten umgeben. Der historische Landschaftsgarten, der im 18. Jahrhundert zum Symbol der Befreiung aus den starren monarchistischen Strukturen wurde und eine wildere, naturnähere Ge-staltung propagierte, erhält im Falle vom Park de Szilassy mit seiner rohen, natürlichen Umgebung seine Eigenart. Er macht sichtbar, dass die Gartenkunst, nähere sie sich noch so der wilden Natur an, eine klare Grenze zwischen sich und dem Umfeld, sei es natürlichem oder urbanem Ursprunges, setzt. Dies spiegelt sich auch in der Etymologie des Wortes Park, auf lateinisch «parrikus», was «abgegrenzter Raum» bedeutet. Territoires spielt also auf Fragen der Abgrenzung in verschiedenen Gebieten an. Einerseits wird das Problem eines sich vom Kontext abgelösten Kunstwerkes, die modernistische Skulptur angesprochen, andererseits zeigt sich anhand des Parks und des Gartens die unausweichliche Abgrenzung des Kunstwerkes gegenüber dem Umfeld. Die Ausstellung möchte dieses Dilemma zwischen Ablösung und Dialog thematisieren.
Kontext Park Szilassy
Der Park de Szilassy wurde 1835 von der zugezogenen Engländerin Elisabeth Hope entworfen und erbaut. Sie war von ihrer Herkunft her mit dem Landschaftsgarten, wie er sich im Zuge der Aufklärung in ihrem Heimatland etabliert hatte, vertraut. Dieser revolutionierte die Gartenkunst im 18. Jahrhundert und setzte dem starren, geometri-schen Garten der Barockepoche die Asymmetrie, die Wildheit und damit auch ein neues Naturverständnis entgegen. Im Moment, in dem Lady Hope nach Bex kam, waren die Schweizer Alpen zu einem beliebten Reiseziel für den europäischen und besonders den englischen Tourismus geworden. Obwohl die Alpen bereits im Mittelalter bereist wurden, hatten sie gerade im Verlaufe des 18. Jahrhunderts zusehends an Attraktivität gewonnen, was die europäische Bewegung der «Grand Tour», die obligatorischen Reisen der ins Erwachsenenalter eintretenden Adligensöhne, nochmals verstärkte. Claude Reichler schreibt in seinem Buch La découverte des Alpes, la question du paysage (2002) : «Die Alpen, nicht weit entfernt, aber als eine neue Welt entdeckt (…), bildeten einen jener Räume der Projektionen, deren Zweck es war, das Weltbild der fortgeschrittenen Aufklärung vor dem Vergessen zu bewahren.» Die Voralpen verkörperten somit eine Bildwelt des Idealen und wurden zu einem Ort der Idylle, zum «nouvel Eden». Im Übergang zum 19. Jahrhundert wurde die Faszination für die Mittelalpen und für die Natur generell durch die romantische Suche nach Gefühlen der Überschwänglichkeit, der Selbstvergessenheit und der Unendlichkeit verstärkt. Während im englischen Landschaftsgarten die Tempel, Grotten und künstlichen Ruinen auf das Kulturgut der Antike verwiesen, waren es die Mythen und die rohe Naturgewalt der Alpen, auf welche Gärten wie dieser in Bex in der romantischen Epoche Bezug nahmen. (Man denke auch an Schillers Interesse am Tell-Mythos).
Der Park de Szilassy wurde über drei Generationen weitervererbt und erhielt seinen Namen vom Ehemann der Adoptivtochter von Elisabeth Hope, dem Ungaren Jules de Szilassy. Durch eine sehr bewegte, von Schicksalsschlägen geprägte Familiengeschichte wurde der Park um 1949, nach dem Zweiten Weltkrieg, aus finanziellen Gründen dem Kanton Waadt vermacht. Die Nachkommen hatten nach wie vor Bleiberecht, bewohnten und bewirtschafteten das Land, die Gärten, die Gewächshäuser, die Bienenstöcke bis 1969 Juliane de Szilassy als letzte Bewohnerin starb und der Park gänzlich in den Besitz des Kantons überging. 1981 fand die erste Ausstellung von Bex & Arts statt.
Der Park de Szilassy wurde mit dem Ziel erbaut, neue Eindrücke hervorzurufen und den Geist des «Promeneur» zu öffnen. Dank seiner Lokalisierung und seinem ursprünglichen Zweck, bietet der Park ein prädestiniertes Feld der Reflektion über Begriffe wie Abgrenzung, Öffnung, Autonomie und Synergie an. Durch den präzis definierten Raum des Parks lässt sich über den Sinn der sich verschiebenden Grenzen neu verhandeln, sei dies in der Kunst oder in der Gesellschaft. Der autonome Charakter des Parks bildet einen Kontext für die Ausstellung, der nicht vernachlässigt werden darf. Ganz im Gegenteil: die Künstler sind eingeladen, den Park in den Vordergrund zu stellen, geschehe dies in dialogischer Form oder im Konflikt dazu.

